Hauptsache, bunt!


Hauptsache, bunt!

Wie konnte es nur so weit kommen? Ist das Instagram schuld, dass das Essen jetzt auf einmal so farbig sein muss? Schrilles Pink in Schlieren auf fliegenden, schreiend gelben Nudeln, der ganze grüne Matchamatsch in der türkisenen Bowl auf meterlangen Fotostrecken? Blitzlichtstrobos beim Dinner? Erst das Selfiesteckerl, dann Messer und Gabel? Ja gehts noch???

Offenbar schon. Denn die Foodies, wie Essensfotos bei den freaky people heißen, kommen viel besser rüber im Netz, wenns ein bisschen bunter zugeht. Wer seine zerkochte Dosenbolognese in graubraun-natur oder das schlammfarbige aufgetaute Gemüse knipst und dafür keine Likes kriegt, ist selbst schuld.

 Grüner wirds nicht

Als wir klein waren, hat man uns grünes Gemüse schönreden wollen. Immer unter dem Vorwand einer gesunden Ernährung. Und wir sprechen da nicht von feinem Babyblattspinat aus heimischem Anbau, leicht in der schweren Pfanne unterm Deckel zusammengefallen, aromatisiert mit einem Hauch Blauschimmelkäse und ‘nem Stäuberl Knoblauch –­ nein. Dunkelgrüngrauen aufgetauten Schlick aus dem Tiefkühler mussten wir über uns ergehen lassen. In den billigen Spinatpackerln war noch nicht mal ein Blubb drin. Die ganz Armen wurden zusätzlich zu Grünkohl und Erbsen aus der Dose gezwungen. Die 70er waren hart. Die 80er noch härter. Und rein kulinarisch betrachtet ein echter Albtraum. Aber es haben alle irgendwie durchgehalten,­ wenn auch tränenreich, und sind zumindest nicht verhungert.

Ich frage Sie: Haben wir dieses geschmackliche Ödland damals knapp überlebt, um uns heut freiwillig den gleichen Pamps reinzuziehen, nur weil irgendein Food-Blog-Guru hipstermäßig den grünen Smoothie erfunden hat?!?

Heutzutage scheint beides sehr schick zu sein. Diese Smoothie-Sache und das Grüne. Wegen der Gesundheit und der ganzen Fitness. Und gut ausschauen muss das alles auch noch und idealerweise zur Garderobe harmonieren. Optisch einwandfrei kommts rüber, verhäckseln Sie junge Rosenkohlblätter und Weizen- oder Gerstengras mit ein paar Eiswürfeln. Je nach Mischverhältnis erhalten Sie ein mattes Mittelgrün. Pürieren Sie noch eine Kiwi dazu oder meinetwegen eine Banane für das flauschige Mundgefühl und einen softeren Pastellton und fertig sind die in die Neuzeit gebeamten Kindheitstraumata. Ein kleiner Flashback, aber Sie können farblich voll mithalten und trendy isses auch irgendwie. Das zerpflügte trinkbare Mischobst ist vor allem dann besonders praktisch, wenn Sie recht busy sind und gerade mit Ihrer Mutter telefoniert haben, die wieder auf dem Vitamin-Thema rumgeritten ist, dass Sie doch hin und wieder einen Apfel essen sollen. Die muss es wissen, schließlich schält sie jeden Boskop fein säuberlich, damit sie ihn wegen ihrer Prothese besser beißen kann. Dass die Vitamine da gar nicht mehr so richtig drin sind, weil direkt unter der Schale und so weiter –­ das brauchen Sie mit ihr nicht diskutieren. Mit dem Smoothie schlürfen Sie das ganz locker weg.

Hatten Sie denn schon mal persönlich das Vergnügen mit Weizengras? Ich schon. Rein aus Recherchezwecken. Was soll ich sagen –­ stellen Sie sich frisch gemähten Rasen in flüssig vor. Nicht den der idyllischen Marke „duftet wie Sommerwiese im Regen“, sondern eher den matschigen Rest, der unter dem Fangkorb hängenbleibt. Optisch wie auch geschmacklich.

Falls es Ihnen wirklich ernst ist und Sie sich mit dem modernen Grünfärben beschäftigen möchten, achten Sie auf die Nuancen Ihres Smoothies. Denn das Vorzeige-Grün nach Food-Trend ist heute nicht mehr so einheitlich gammlig-grau wie der 80er Jahre TK-Spinat. Die freshen Töne gehen jetzt von frosch-floral (eine Handvoll Edamame –­ das sind die hellgrünen Sojabohnen) bis deep-kiefernadlig (zum Beispiel frische Grünkohlblätter) und für die Fastfood-Leute in Richtung British Racing Green. Wollen Sie es ganz richtig machen, ersetzen Sie den Frosch durch was rein Pflanzliches, das sowieso wegmuss. Wie heimisches Vorgartenunkraut, das unschön zwischen den akkurat gelegten Betonplatten durchkommt oder wählen Sie einen lokalen Schnittlauch-Ton für Ihren Shake.

Dennoch ist dieser vermeintlich gut gemeinte, rein körperliche Gesundheitsaspekt zwar ganz nett,­ aber es ist letztlich alles auch eine Frage der direkten Außenwirkung. Das Konsumieren trendiger Matsche-Pamp-Shakes macht allein daheim keinen Spaß. Wer sich ein seegras-moosfarbenes Trendgetränk freiwillig antut, muss damit in die analoge Öffentlichkeit. Man will dafür gelobt werden und ein bisserl angeben, hofft auf ein Kompliment dafür, dass es noch jemanden gibt, der gern –­ je nachdem wie angesagt das Viertel ist, in dem man grad unterwegs ist –­ an die acht Euro für zerquetschte aufgeplusterte Gemüsereste locker macht. Sofern Sie damit nicht nur Ihre Mutter beeindrucken wollen. Holen Sie sich beispielsweise einen in der Smoothie-Welt global berühmten Glowing Green Smoothie mit Stangensellerie und Bio-Petersilie oder allerhand Billie Blossom Boosters und multikulturelle Mango Minz Masters in einer stylischen Saftbar. Da kriegen Sie schon bei der Smoothie-Auswahl ein kreatives Text-Highlight nach dem anderen serviert. Wichtig ist der transparente Mitnahmekunststoffbecher mit deutlichem Pfand-Aufkleber, damits wirklich jeder mitkriegt. Nur dann ist man sich der Aufmerksamkeit sicher. Allerdings sollten Sie schauen, dass der Strohhalm plastikfrei ist wegen der Umwelt und der Klugscheißerei. Und beeilen Sie sich, denn bald wird der durchsichtige Becher verboten wegen dem Müll im Meer. Aber so lange das noch legal ist …

Wenn Sie spontan drauf scharf wären und das mal probieren möchten, wärs wirklich empfehlenswert, Sie suchen sich gleich nach dem dezent aber nachhaltig erzwungenen Feedback ein exklusives Klohäusel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Man weiß ja nie.

Das volle Programm gäbs im Buch RETTEN SIE DEN GUGLHUPF!

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